CLBInternet für Chemie und Labor - Teil 9: E-Commerce
Dr. Torsten Beyer, Saarbrücken
Chemie in Labor und Biotechnik 50 (1999) 264-265


Kein anderes Thema sorgt derzeit für so viele Spekulationen wie das Schlagwort "E-Commerce". Während in der Regel alle Schätzungen über die Zahl der Nutzer oder Web-Seiten im Internet ständig nach oben korrigiert werden, sind nahezu alle Prognosen zur Entwicklung des elektronischen Handels in Europa nicht eingetroffen. In den USA hingegen ist der elektronische Geschäftsverkehr bereits etabliert. Die Chancen und Probleme des E-Commerce in Deutschland sollen in diesem Beitrag beleuchtet und vorhandene Angebote im Labor- und Chemikalienbereich vorgestellt werden.

Die Definition von "E-Commerce" ist in der Literatur nicht einheitlich. In einer Broschüre des Bundeswirtschaftsministeriums versteht man darunter "jede Art von geschäftlicher Trans-aktion, bei der die Beteiligten auf elektronischem Wege Geschäfte anbahnen und abwickeln oder elektronischen Handel mit Gütern und Dienstleistungs betreiben" [1]. Andere gehen noch eine Schritt weiter und meinen damit "ein Konzept zur Nutzung von bestimmten Informations- und Kommunikationstechnologien zur elektronischen Verzahnung unterschiedlicher Wertschöpfungsketten oder unternehmensübergreifender Geschäftsprozesse" [2].

Die elektronische Geschäftsabwicklung kommt sowohl im Business-to-Business- als auch im Business-to-Consumer-Bereich zum Einsatz, der vorliegende Artikel beschränkt sich allerdings auf letzteren.

Die älteste Anwendung des E-Commerce im Laborumfeld ist, wenn man so will, die Online-Recherche in den kommerziellen Datenbanken von Hosts wie FIZ Karlsruhe, DIMDI oder dem Deutschen Patentamt. Inzwischen findet man auch einige elektronische Kaufhäuser ("Shopping Malls"), wo sich mehrere Händler zu einer "virtuellen Community" zusammengeschlossen haben. Einige Anbieter integrieren elektronische Bestellsysteme inzwischen auch direkt auf Ihren Homepages.


Virtuelle Kaufhäuser

Im Internet gibt es einige Suchdienste, die auf Online-Shops spezialisiert sind (vgl. Tabelle 1). Bei Shop!de sind insgesamt 16 000 Shops registriert, allerdings findet man unter den Stichworten "Chemie", "Laborgeräte" oder "Chemikalien" nur einige wenige Einträge, obwohl es durchaus mehr Online-Shops in diesem Bereich gibt – ein übliches Problem von Web-Indizes jeglicher Art!


Tabelle 1: Shop-Indizes im Internet.

Shop!de http://www.shop.de
Shopfinder http://www.shopfinder.de


Im Laborumfeld gibt es hierzulande inzwischen zwei erwähnenswerte Communities, nämlich LabWorld-Online und die Tele-Incom, ein Ableger des bekannten Incom-Symposiums (Tabelle 2). Unter LabWorld-Online sind einige namhafte Anbieter mit Online-Shops vertreten wie beispielsweise Büchi, Fritsch, Ika, Haake, Huber, Jouan, Kern u.a. Daneben werden dort noch weitere Informationen wie Links zu weiteren Herstellern, Jobangebote oder eine Gebrauchtgerätebörse geboten. Die Aufmachung der Shops ist technisch solide, wenn auch die Handhabung etwas umständlich ist und man wegen der aufwendigen grafischen Gestaltung etwas Geduld mitbringen muss. Inzwischen ist aber auch eine reine Text-Version verfügbar. Die Tele-Incom ist erst seit wenigen Wochen online mit momentan allerdings nur wenigen Anbietern. Hier sollen neben dem Shop noch weitere nützliche Informationen für das Laborumfeld bereitgestellt werden.


Tabelle 2: virtuelle Kaufhäuser im Laborumfeld.

Tele-Incom http://www.tele-incom.de
LabWorld-Online http://www.labworld-online.com


Die Zukunft wird zeigen, ob sich derartige Angebote etablieren können, denn das Grundproblem jeder Shopping Mall ist die Frage, ob verschiedene Anbieter sich unter einer Plattform zusammenfinden wollen oder einen Shop direkt auf der eigenen Homepage einrichten. Viele Anbieter – insbesondere konkurrierende – scheuen sich beispielsweise wegen der entstehenden Preistransparenz vor dem Einstieg in eine Shopping Mall, wenn anbieterübergreifend recherchiert werden kann. Für den Nutzer wäre dies natürlich ideal. Und schließlich schrecken die Anbieter auch davor zurück, wichtige interne Kundendaten auf dem Server des Betreibers eines virtuellen Kaufhauses abzulegen.


Online-Bestellsysteme

Inzwischen bieten einige Firmen auch hierzulande elektronische Bestellmöglichkeiten direkt auf Ihren Homepages an. Die Liste in Tabelle 3 ist sicher nicht vollständig, man kann sich aber hier einen Überblick über die aktuellen Möglichkeiten und das zukünftige Potential solcher Dienstleistungen verschaffen.

Manche Anbieter gewähren einen direkten Zugriff auf die Preise der angebotenen Produkte (Bürkle, Bohlender, Mettler-Toldeo, Fisher Scientific), bei den anderen (Merck, Sigma) muss man sich erst mit den kompletten Firmendaten registrieren und erhält erst dann Zugriff auf alle Daten und Preise. Durch die Registrierung, die natürlich kostenlos ist, können zum einen die länderspezifischen Preise sowie vereinbarte Rabatte und Vorzugspreise durch Kopplung an interne Warenwirschaftssysteme direkt angezeigt werden (Merck).

In der Regel kann übergreifend im kompletten Produktangebot recherchiert werden; Sigma Aldrich bietet sogar ein Plug-in an, nach dessen Installation chemische Strukturen in einem Editor gezeichnet und dann gesucht werden können.

Die Bestellabwicklung erfolgt in der Regel per Rechnung, die auf klassischem Wege per Post verschickt wird. Hier werden sich zukünftig sicher auch elektronische Zahlungsmittel etablieren.


Tabelle 3: Anbieter mit integrierten Bestellsystemen auf ihren Homepages (Auswahl).

Merck Eurolab GmbH
(Chemikalien, Laborbedarf)
http://www.merckeurolab.de
Sigma Aldrich
(Chemikalien, Laborbedarf)
http://www.sigma-aldrich.com
Fisher Scientific GmbH
(Chemikalien, Laborbedarf)
http://www.de.fishersci.com
MT Shop (Mettler Toledo)
(Waagen, Dosiersysteme, div. Laborgeräte)
http://www.mt-shop.de
Otto Bürkle GmbH
(Abfüll-/Laborgeräte, Probennehmer)
http://www.buerkle.de
Bohlender
(Fluorkunststoffe)
http://www.bohlender.de


Probleme und Chancen

Die größten Probleme des elektronischen Handels liegen in der Etablierung neuer Bestellwege, im fehlenden Glauben vieler Nutzer an die Sicherheit bei der Übermittlung sensibler Daten über das Internet (Kreditkarten- und Kontonummern) sowie in den global sehr unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen.

Das Aufbrechen etablierter Lieferstrukturen und die Akzeptanz der direkten Online-Bezahlung benötigen sicher noch etwas Zeit, die Entwicklung ist aber nicht mehr aufzuhalten. Im Inland wird das Problem der Zahlungsabwicklung insofern entschärft, da in der Regel per Rechnung oder im Lastschriftverfahren bezahlt werden kann.

Weiterhin bleibt kritisch anzumerken, daß wohl viele Zwischenhändler, wenn auch nicht überflüssig, so doch sicher an Bedeutung verlieren werden, wenn der Endkunde direkt beim Produzenten bestellen kann. Auf der anderen Seite kann die fehlende Möglichkeit zur Begutachtung der Produkte vor dem Kauf zum Problem werden, da es dubiose Händler gibt, die gefälschte Produkte (z. B. Medikamente, Raubkopien von kommerzieller Software) zu Dumping-Preisen weltweit anbieten. Die unterschiedlichen nationalen Gesetze und Richtlinien sind ebenfalls problematisch und in einigen Bereichen dringend klärungsbedürftig (z. B. freier Handel von Medikamenten über das Internet, die in Deutschland verschreibungspflichtig sind, oder die Besteuerung von Internet-Geschäften).


Ausblick

In einigen Bereichen wie z. B. dem Verkauf von Fachbüchern, CDs und Software hat sich der E-Commerce inzwischen auch hierzulande zu einer echten Konkurrenz des klassischen Handels entwickelt. E-Commerce-Systeme im Laborumfeld stehen allerdings noch am Anfang, werden sich aber sicherlich für standardisierte Produkte wie Chemikalien, Verbrauchsmaterialien oder Software in den nächsten Jahren etablieren. Größere Geräte werden wohl kaum direkt über das Internet verkauft werden können, denn wer würde schon unbesehen ein Massenspektrometer in einem Online-Shop bestellen.

Viele Anbieter werden sich in den nächsten Jahren die Frage stellen müssen, ob sie nicht doch einen Online-Shop einrichten sollen – wenn nicht wegen des Konkurrenzdrucks, dann aufgrund des durchaus vorhandenen Kosteneinsparpotentials.

In den USA ist man schon wieder einen Schritt weiter; die neueste Entwicklung dort sind zur Zeit Online-Auktionen. Hier lohnt sich ein Blick in die Angebote http://www.going-going-sold.com und http://www.labdeals.com, wo ausschließlich gebrauchte wissenschaftliche Geräte unter den "virtuellen" Hammer kommen.


Literatur

[1] Initiative "Elektronischer Geschäftsverkehr" der Bundesregierung, herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft (http://www.bmwi.de).
[2] Studie "Electronic Commerce – Status Quo und Perspektiven", KPMG Unternehmensberatung GmbH (http://www.kpmg.de).

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